Auslandsgesellschaft Deutschland




 

Projekt Heimat 132
Beitrag von Dirk Berger

Wenn Peyman Azhari, sagen wir mal, Andreas Lehmann hieße, würde er den Begriff Fremdheit nicht so spüren. Ein Herr Lehmann aus Dortmund ist nicht fremd in Karlsruhe oder Mainz – er war höchstens noch nicht da. Peyman Azhari war aber schon mal fremd hier, da war er noch klein. Seine Familie floh im ersten Golfkrieg 1988 aus Teheran nach Deutschland, er war dreieinhalb Jahre alt. Sie rettete ihr Leben in der tagelang rollenden Behausung eines BMWs, der über die Türkei seinen Weg nach Europa suchte, vollgepackt mit den wichtigsten Dingen. Aber so was wie „Heimat“ passte nicht mehr rein. Kann man nicht mitnehmen, musste zurückbleiben.

27 Jahre später kann man sagen, dass Peyman hier gut angekommen ist. Der 30-Jährige hat Wirtschaft in Deutschland und den USA studiert, er arbeitet als Fotograf und führt einen eigenen Verlag. Fremd? Nein. Und doch hat er nicht aufgehört, mit dem Begriff zu jonglieren. Sein neuestes Kunstprojekt heißt „Heimat 132“. Peyman Azhari porträtiert Menschen aus 132 Nationen, die in der Dortmunder Nordstadt wohnen, mit Text und Bild. Und von denen jeder an einem neuen Heimatbegriff arbeitet.

Borsigplatz/Ecke Borsigstraße: Azhari trifft Kofi Yeboah. Kofi ist Peymans 45. Porträt, und Dortmund Kofis zweite Heimat. Vor fünf Jahren ist der 34-Jährige hier angelandet, da hatte er noch rund 100 US-Dollar in der Tasche. Kofi musste nicht fliehen aus Kumasi in Ghana, sein Leben war nicht bedroht. „Aber ich hatte nur die Grundschule besucht, für alles andere war kein Geld da.“ Manchmal reicht es schon, wenn man das Gefühl hat, dass die Trostlosigkeit eines Lebens ohne Arbeit, ohne Perspektive das Dasein bedroht. Nicht leben geht auch mit atmen. Kofi hat schon mal Vertrauen außerhalb seiner Familie gespürt, sogar bei seinem Weggehen. „Es gibt gute Schleuser, und es gibt schlechte – ich hatte gute.“ Welche, die ihn nicht betrogen. Über die Elfenbeinküste erreichte er Polen, dann Berlin, dann Dortmund. Warum Dortmund? „Ich hatte den BVB im Fernsehen gesehen, und ich wusste, da will ich hin.“ Ein schwarzgelbes Versprechen auf ein rosarotes Leben? Kofi weiß, das nichts einfach so läuft. Er hat als Küchenhilfe gearbeitet. Derzeit besucht er einen Integrationskurs in der Auslandsgesellschaft, er will eine Lehre in der Gastronomie anschließen. Er steht vor der Reklame des BVB-Fanhouses am Borsigplatz, der Walk of Fame führt von hier über 103 Meilensteine bis zum Stadion. Kofi wohnt um die Ecke. „Mein Traum ist erfüllt“, sagt er. Jetzt schon.

Nordstadt, Nordstadt, 132 Nationen. Peyman fotografiert, er zeichnet Porträts mit Bildern. „Jeder hat Einfluss auf die Welt“, findet er. Nicht immer soll alles von den großen Nachrichten abhängen, schon gar nicht von den schlechten. Er sagt allen Ernstes: „Ich will die Welt ein wenig besser machen.“ Ein markanter Satz, leicht abgegriffen. Weiß er natürlich, aber weniger soll's nicht sein. Wie wird die Welt denn besser? „Ich will über meine Geschichten Verständnis für Menschen erreichen, die aus aller Welt zu uns kommen. Menschen, die ihre Familien aufgeben, die ihre Heimat aufgeben, um dahin zu gehen, wo es so etwas wie Hoffnung gibt.“ Solche hätten keine Ausländerfeindlichkeit verdient. Jede Statistik weise Deutschland als einen Staat aus, der dringend Zuwanderung benötige. Jeder, der den Mut hat zu kommen, ist eine Geschichte wert. Er ist die kleine, aber gute Nachricht. Eine Welt, ein Mensch – es steht eins zu eins.

Peyman hat sich als Student viel mit der Flüchtlingsproblematik auseinandergesetzt, er weiß um Kolonialismus, um Rohstoffkriege, verantwortungslose Politik, wenn sich große Staaten mindestens respektlos kleinen nähern, um sie auszubeuten. Und das ganze korrupte Elend zurücklassen. Ist er Politiker, Künstler, Journalist? „Als Politiker würde ich nicht so gut funktionieren“, glaubt er. Zu viel Erzählerei. „Künstlerisch arbeiten tue ich, weil ich ausstelle, Galerien habe, die mich vertreten und auch Sammler meiner Bilder. Journalist bin ich ebenfalls, weil ich Geschichten entdecke und aufschreibe.“ Weil aber auch er nicht aus dem Off arbeiten kann, ist er dankbar für Hilfestellungen, die ihm andere geben. Die Auslandsgesellschaft unterstützt ihn mit einem Stipendium, der städtische Obmann für die Nordstadt, Ubbo de Boer, hilft ihm mit Kontakten, und Sebastiao Manuel Sala aus Angola, Sozialarbeiter bei der Diakonie, „ist mein Botschafter für Afrika“. Manchmal benötigt man Fürsprecher, viele der Gekommenen sind scheu. „Man braucht ein Gefühl für die Leute“, sagt er. Peyman benutzt beim Erstkontakt zum Beispiel sein Fahrrad nicht nur als Verkehrsteilnehmer, sondern als Mittel zum Zweck. „Ein Fahrrad erzeugt Sympathie, es steht zwischen mir und dem Interviewten, es sorgt für Distanz.“ Die im besten Fall im Gespräch überwunden wird – klappt aber nicht immer.

Peyman hat sich von Kofi verabschiedet, er trifft am Nachmittag noch einen spanischen Nordstädter. An der Oesterholzstraße liegen ein paar weggeworfene Turnschuhe auf dem Bürgersteig, daneben eine Plastiktüte unbekannten Inhalts. Das mit dem Sperrmüll wird hier manchmal etwas unprofessionell gelöst, es liegt immer was rum. „Klar, man kann den Müll sehen und so, man kann aber auch die Geschichten sehen, die ich hier an jeder Ecke finde.“

Und Peyman, du Kind aus dem BMW, ehemaliger Fremdling aus Teheran, was ist Heimat für Dich? Der 30-jährige ist in der Lage, seine künstlerische, journalistische und letztlich doch politische Arbeit mit einem Schuss Sentimentalität zu versehen. „Heimat ist da, wo meine Frau ist.“ Die ist in Dortmund. Ein bisschen Sentimentalität ist schon in Ordnung.


 

 

 

 

 
 
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